„Time goes by, so slowly“ klingt es melodisch aus dem Autoradio während ich darüber nachdenke, wieso Zeit so unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Das Lied von Madonna beschreibt das Warten im Zustand des Verliebtseins, was unglaublich zermürbend sein kann, wenn der ersehnte Mensch nicht antwortet. Wir erleben die Zeit in verschiedenen Lebenssituationen unterschiedlich. Eingetaucht in den Fluss der Zeit, kommt dieser uns manchmal wie ein träge dahingleitender Strom vor, unerträglich langsam; ein andermal wie ein eilig über Stock und Stein dahin springender Bach, munter und quirlig, den wir am liebsten aufhalten möchten.
Es gibt viele Zeitformen. Die Zeit, die ich auf dem Ziffernblatt meiner Uhr ablesen kann oder auf meinem Terminkalender, ist eine andere Zeit als die, die ich mit einem geliebten Menschen verbringe. Die Zeit, die ich auf dem Annentag oder Libori in Geselligkeit verbringe, ist eine andere als die im Stau. Die Zeit, in der ich mit Krankheit und persönlichem Leiden konfrontiert bin, ist eine andere als die bei bester Gesundheit mitten im Leben. Was also ist die Zeit?
Das fragte sich schon Aurelius Augustinus, der große christliche Philosoph des 5. Jahrhunderts und meinte: „Wenn mich niemand fragt, weiß ich es. Wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären möchte, weiß ichs nicht. Dennoch sage ich zuversichtlich, ich wisse es, wenn nichts verginge, gäbe es keine Vergangenheit, und wenn nichts herkäme, gäbe es keine Zukunft, und wenn nichts wäre, gäbe es keine Gegenwart.“ Da durchaus etwas geschieht in unserem Leben und auf dieser Welt, und weil wir selbst mittendrin sind im Fluss dieses Geschehens, darum so Augustinus gibt es auch die Zeit. Selbst wenn wir nicht genau wissen, was sie ist, können wir, ja müssen wir versuchen, uns in ein sinnvolles Verhältnis zu ihr zu setzen. Es genügt nicht, bei unserer Ratlosigkeit stehenzubleiben. Denn im Fluss des Geschehens zwischen den Zeiten, die vergangen sind, und den künftigen Zeiten gibt es durchaus eine Stelle, wo wir einigermaßen festen Boden unter den Füßen haben, eine Zeitinsel. Das ist die Gegenwart. Auf der Zeitinsel Gegenwart bewegen wir uns relativ sicher. Dort leben wir zusammen mit anderen Menschen, planen unser Leben und treffen Entscheidungen. Kluge Menschen aller Zeiten haben gewusst, dass auch wenn wir keine abschließende Antwort darauf bekommen, was die Zeit letztendlich ist, müssen wir mit dem umgehen, was uns von ihr als Gegenwart begegnet.
Aus den vorherigen Gedanken können wir schlussfolgern, dass Zeit vielleicht das schönste Geschenk ist. Deshalb heißt das schönste Versprechen, das ein Mensch einem anderen geben kann: „Ich bin für dich da!“ So sagt die Mutter, die ihr Kind durch eine schwere Krankheit begleitet oder der Vater. So sagt eine Frau einem Mann und ein Mann einer Frau oder zwei Menschen, wenn sie einander ein gemeinsames Leben versprechen: „In guten wie in schlechten Tagen bin ich für dich da!“
In einer Geschichte am Anfang der Bibel wird erzählt, dass Mose in der Wüste einen Dornbusch sieht, aus dem helle Flammen schlagen. Der Busch brennt, aber er verbrennt nicht, denn in seinem Feuer ist Gott verborgen. Als Mose ihn nach seinem Namen fragt, gibt Gott ihm die rätselhafte Antwort: „Ich bin der »Ich bin da«“. Ich glaube, besser kann niemand sagen, wer Gott ist. Selbstverständlich hat Gott viele Namen und sein Geheimnis ist nicht in Definitionen einzufangen. Das eine aber ist sicher. Er ist der, der da ist. Er ist da als die Mitte unserer Sehnsucht und als Kraft für einen neuen Anfang. In jedem Atemzug, den wir tun, ist Gott gegenwärtig. „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir und hältst deine Hand über mir“ singe ich vielleicht deshalb am liebsten.
Diese gute Erkenntnis wünscht Ihnen Annette Wagemeyer
