Am vergangenen Sonntag sind wir in der alttestamentlichen Lesung an Mose erinnert worden, der sich von Gott rufen lässt. Mit Gott lässt sich nicht einfach kuscheln, denn er ist uns nah und doch unbegreiflich fern. In dieser Spannung leben wir und daran leiden wir immer wieder – auch heute noch. Allerdings lässt sich in diesem Leiden auch Gott erkennen. Israels Bedrängnis wollte Gott teilen und zeigte sich im Dornbusch und gar nicht erhaben von oben wie auf dem Berg Sinai. Gerade das Mickrige und Übersehene, das scheinbar wertlose macht er zum Ort seiner Gegenwart und seines Erscheinens. Auch in der Menschwerdungsgeschichte Jesu erkennen wir das und nicht nur dort. Deshalb fragen wir uns doch mal, wo für uns schon einmal der Dornbusch gebrannt hat. Spüren wir in unserem dornigen Alltag Gottes Gegenwart und Nähe im bedrohlichen Feuer? Wenn wir nur Informationen über Gott suchen oder Beweise, dann kommen wir nicht weiter.
Tatsächlich muss ich persönlich ringen um meine Beziehung zu Gott. An ihr leide ich auch, wenn ich nicht verstehe, warum ich manche Lebenswüste durchqueren muss. Mose hat sich auch dagegen gewehrt, das ist spannend in der Bibel nachzulesen. Gott zeigt uns an Mose, wie er sich erfahren lässt. Er sagt: „Komm näher, aber zieh erst deine Schuhe aus“. Gott offenbart sich Mose erst, als die Schuhe ausgezogen sind. Im Orient galten feste Schuhe als ein Zeichen für Reichtum und ein mächtiges Auftreten. Im Religiösen gelten daher Schuhe eher als Blockade, machen unempfindlich gegen spitze Gegenstände.
Solange ich mich weigere, innerlich die Schuhe auszuziehen, bleibe ich unempfindlich für Gott. Ich frage mich, was ich für Schuhe an habe: Bin ich der »Stiefel-Mensch«, der eher aggressiv auftritt, denn mit harten Stiefeln an den Füßen merke ich nur schwer, dass Gott meinem Leben Grund und Boden gibt. Oder gehe ich mit »Tanz-Schuhen« durch das Leben, ständig ausgelassen und beschwingt. Das ganze Leben als Party genießen, funktioniert leider nicht. Es gilt, bereit zu sein, auch das Unangenehme anzunehmen. Einiges im Leben lässt sich nur durch-trauern. Ich muss Abschied nehmen lernen von Lebensphasen, die vorbei sind, von Wünschen, die sich nicht erfüllen lassen. Wenn ich trauern kann, lerne ich auch mitzufühlen und entdecke neue Lebensmöglichkeiten. In den Dornen meiner Lebensgeschichte scheint mir auf solche Weise Gott auf. Aber manchmal will ich auch die »Haus-Schlappen« meiner Bequemlichkeit nicht ausziehen. Gott kann mir auch entschwinden, wenn mein religiöses Leben in der Routine erstickt und sich nur auf ein paar Vater-Unser reduziert.
Die Fastenzeit lädt ein, über unser Schuhwerk nachzudenken. Der Weg führt zum Gründonnerstag, in den Abend der ausgezogenen Schuhe. Jesus wendet das Bild der ausgezogenen Schuhe vom Zeichen der Ehrfurcht vor dem unbegreiflichen Gott zum Zeichen seiner Liebe dem Menschen gegenüber. Er selbst kniet aus Liebe nieder und will uns die Füße waschen. Dazu aber müssen wir mit ausgezogenen Schuhen zu ihm kommen.
Rehaklinikseelsorgerin
Annette Wagemeyer
