Liebe Leserin, lieber Leser,
bei meinem letzten Urlaub im Kleinwalsertal entdeckte ich an der schmalen Straße hinauf zum Ifen
das auf dem Foto abgebildete Wegkreuz. Eher unscheinbar, nichts besonderes, ich kannte es
bereits aus früheren Jahren. Allerdings war es da noch in einem zunehmend schlechten Zustand.
Es war stark verrostet, stand windschief und drohte umzustürzen. Offenbar hatte sich nun endlich
jemand dieses Kreuzes angenommen. Es erschien jetzt frisch renoviert und war wieder gerade
gerichtet. Als ich es so schön wiederhergestellt sah, freute ich mich im ersten Moment sehr
darüber. Auf den zweiten Blick störte es mich dann aber doch, dass der Corpus jetzt offenbar ein
bisschen zu hoch angebracht worden war. Die doch eigentlich angenagelten Hände und die Arme
reichen über den Querbalken noch oben hinaus. Nur ein ärgerlicher Fehler bei der Renovierung,
vielleicht aus Nachlässigkeit oder mangelndem künstlerisch-theologischen Verständnis? Gut
gemeint ist eben noch nicht gut gemacht?
Beim längeren Betrachten des Kreuzes kam mir der Gedanke, dass aus dem ehemaligen reinen
Passions- jetzt auch zugleich ein Osterkreuz geworden sein könnte. Denn schließlich feiern wir in
den kommenden Tagen nicht nur Leiden und Sterben, sondern auch das Auferstehen des
Gekreuzigten. Und kann man im allerletzten Schrei des sterbenden Jesus, in seinem „Es ist
vollbracht!“, schon ein noch verborgen-lautloses allererstes Oster-Halleluja heraushören? Im
Sterben greift der Erlöser sozusagen schon über den Horizont und die Grenze des Todes hinaus,
streckt sich aus und hinein in den sich ankündigenden Aufgang und die unendliche Weite des
neuen österlichen Lebens. Ohne Kreuz kein Auferstehen, ohne Tod kein Leben.
Ich wünsche uns allen eindrücklich-frohe Kar- und Ostertage!
Ansgar Wiemers, Krankenhauspfarrer
Ein Osterkreuz
Wegkreuz im Kleinwalsertag