Auf dem Weg dorthin wurde zuvor auch das Reelser Kreuz besucht. Hoch oben und über einen teils steilen Anstieg erreichbar, liegt es etwas verborgen – ein stiller Ort, der oft erst auf den zweiten Blick wahrgenommen wird.
Auf dem nördlichen Sachsenring erreicht man nach kurzer Zeit die Marienkapelle. Schon der erste Anblick ist besonders schön. Die Kapelle wirkt wie ein Magnet: Viele Menschen suchen sie auf, angezogen von der Ruhe und der schönen Landschaft, die sie umgibt. Draußen lädt eine Bank zum Verweilen ein, während ringsum die Vögel zwitschern und die Stille auf angenehme Weise mit Leben füllen.
Ursprünglich gehörte die Kapelle zum Studienheim St. Clemens. Bereits 1932 stand hier eine kleine Holzkapelle, die jedoch Wind und Wetter stark zugesetzt hatten. Deshalb stiftete der Konrektor des Studienheims, Johannes Kley – selbst Absolvent der Schule – im Jahr 1952 den kleinen Steinbau, den man noch heute vorfindet. Kley, der durch einen Gewinn im Fußball-Toto überraschend in den Besitz von 68.000 DM gelangt war, stellte das Geld für den Bau zur Verfügung. Im Volksmund wird sie deshalb auch liebevoll „Santa Maria del Toto“ genannt. In der Apsis (hinterer Altarraum der Kapelle) befindet sich ein Glasrohr mit Erde aus dem Marienwallfahrtsort Lourdes.
Bis heute erfreuen sich viele Besucher an der gepflegten Kapelle, die stets mit Blumen und Kerzen geschmückt ist. Seit vielen Jahren kümmert sich Josef Weskamp (81) mit großem Engagement um diesen Ort – anfangs gemeinsam mit dem Hausmeister des Clemensheims, Georg Vockel, inzwischen allein. Für ihn ist es ein Herzensbedürfnis, alles sauber zu halten und immer einen Vorrat an Kerzen bereitzustellen, die über das Kolpingwerk Paderborn organisiert werden.
Schon bei der Einweihung im Jahr 1953 war er dabei: Damals kam er als Achtjähriger mit seinem Großvater aus Alhausen zu Fuß über den Rosenberg zur Kapelle. Seine Lebensgeschichte ist eng mit dieser frühen Zeit verbunden – seine Mutter starb bei seiner Geburt und so wuchs er bei seinen Großeltern auf.
Offen und lebendig erzählt er von seiner Beziehung zur Kapelle. Gemeinsam mit seiner Frau Ulrike sorgt er für den Blumenschmuck und freut sich, dass Menschen hier Ruhe finden und Zeit zum Gebet haben. Gern erinnert er sich auch an Begegnungen mit Dr. Rainer Hohmann, (damaliger Direktor des Clementinums und Geschäftsführer des Clemens-Hofbauer-Hilfswerks für Priesterspätberufe Bad Driburg e. V. von 2004 bis 2016).
Während des Gesprächs zeigte sich, dass die Kapelle nicht nur ein stiller Rückzugsort ist, sondern auch ein Ort gelebter Gemeinschaft. Immer wieder kamen an diesem Vormittag Wanderer vorbei, die hier regelmäßig innehalten und beten. Einer von ihnen stimmte ein Lied an – getragen von der beeindruckenden Akustik der kleinen Kapelle erfüllte sein Gesang den kleinen Raum.
Im Gespräch berichtete Josef Weskamp auch von seiner Leidenschaft für den Laufsport: 1996 nahm er am Marathon in New York teil und über viele Jahre hinweg stand jedes Jahr ein Marathon auf seinem Programm – ob am Rennsteig, in Köln oder beim Hermannslauf. Auf die Frage nach seinem Glauben sagt er schmunzelnd: „Die Bibel ist die älteste Gebrauchsanweisung.“
Was als Frühlingswanderung begann, endete mit der Begegnung mit einem stillen Helden. Ein Mensch, der Gutes tut und dabei bescheiden geblieben ist. Für Josef Weskamp ist sein Engagement an der Marienkapelle keine Pflicht, sondern schlicht ein Herzensbedürfnis.
Doris Dietrich