Walburga von Heerse
Am Ursprung der Kirche von Bad Driburg steht der Name einer bemerkenswerten Frau: Walburga von Heerse, sächsische Adelige vermutlich aus dem Geschlecht der Bellinge und Schwester Liuthards, des dritten Bischofs von Paderborn.
Erstmals taucht ihr Name in einer in Abschrift erhaltenen Urkunde der Bischofsversammlung von Worms im Jahre 868 auf. Darin heißt es, Walburga habe sich mit einigen unverheirateten jungen Frauen (domicellae) entschieden, sich dem Dienst an Gott zu weihen. Einen geeigneten Platz für dieses Vorhaben sehe man im Gebiet des Ortes, der nun Heresi genannt werde (in territorio villae quae Heresi nuncupatur). Da dieser Ort dem Bistum Paderborn gehöre, böten die Geschwister – Walburga und Liuthard – ihre persönlichen Güter nahe Warburg zum Tausch.
Bemerkenswert ist die sperrige und ungewohnte Formulierung – in territorio villae quae Heresi nuncupatur. Bernhard Heising, ehemals Lateinlehrer am Gymnasium St. Kaspar in Neuenheerse, vermutete, dass dadurch der ursprüngliche Ortsname verschleiert, ja vergessen gemacht werden solle. Möglicherweise sei dieser Ort an den Quellen der Nethe für die Sachsen ein überregional bedeutendes paganes Heiligtum gewesen.
Das Christentum war damals zwar im Adel verwurzelt, für die einfachen Leute aber war es eine noch fremde Religion[1]. Zudem waren die Jahrzehnte vor Gründung des Stiftes von kriegerischen Konflikten unter den Söhnen Ludwigs des Frommen geprägt. Und Lothar, einer der Protagonisten, stellte dabei den Sachsen in Aussicht, für eine Unterstützung seiner Interessen zu den alten Gewohnheiten zurückkehren zu dürfen.
WALBURGA, APOSTOLIN DER SACHSEN
Aus den Zeitumständen und der Ortswahl lassen sich vorsichtig Rückschlüsse auf das eigentliche Motiv der Gründung ziehen: Möglicherweise war das Stift in seinem Ursprung als Missionszentrum an einem den Sachsen wichtigen Ort gedacht. Denn es stellt sich die Frage, weshalb die Geschwister das Kloster nicht auf ihrem eigenen Erbbesitz in der fruchtbaren Warburger Börde gegründet haben. Neuenheerse liegt hoch. Es ist kalt und regnerisch. Die Winter sind lang. Der Boden karg. Die Wahl des Ortes mit der Verschleierung des alten Namens stünde dann in der Tradition früher christlicher Gründungen an Orten, die den Menschen von jeher heilig waren. Ein solcher Ort könnte das Quellgebiet der Nethe in Neuenheerse sein.
871, also drei Jahre nach der Synode von Worms, bestätigte König Ludwig der Deutsche auf Bitten Bischof Liuthards die Gründung, nahm sie unter königlichen Schutz, gewährte Immunität und bestimmte, dass Walburga auf Lebenszeit das Amt der Leitung als Äbtissin innehabe. Nach ihr aber sollte die Äbtissin von den Stiftsfrauen frei gewählt werden. Ausgeschlossen war damit der Einfluss des Bischofs oder der Gründerfamilie auf die Besetzung dieses wichtigen Amtes.
Des Weiteren gibt diese Urkunde einen Hinweis auf den Bau der ersten Stiftskirche. Der König zitiert darin die Bitte Liuthards, ein Kloster zu errichten zu dürfen. Bis 871 scheint es also noch keine nennenswerten Bautätigkeiten gegeben zu haben. Hingegen ist in einer Urkunde König Karls III. aus dem Jahre 887 vom „errichteten Kloster“ die Rede. Das aber muss nicht heißen, dass der gesamte Bauprozess schon abgeschlossen war. Die Klostergründung war zwar offiziell erfolgt, aber noch lebte man in provisorischen Holzhütten, während die Kirche und zentrale Gebäude der Klosteranlage als solide Steinkonstruktionen im Entstehen waren.
WALBURGA, DIE HEILIGE SÄCHSIN
Ein Paderborner Diözesankalender aus dem frühen 11. Jh. nennt Walburga als Heilige und legt ihren Gedenktag auf den 4. März, den im Necrologium Herisiense[2] genannten Todestag. Auch die bis ins 14. Jh. übliche Bezeichnung ihrer Grablege als Kapelle der heiligen Walburga setzt eine frühe Verehrung voraus.
Über Walburgas Persönlichkeit und ihren Charakter geben uns zwei ganz unterschiedliche Quellen Auskunft: der Brief eines Freundes und ihr Grabstein.
Betrachten wir zunächst der Brief Remberts, des Erzbischofs von Hamburg und Bremen an das Stift Heerse, datiert auf den 11. Juni 888[3].
Rembert, Knecht der Herde Gottes, an seine innig geliebte Tochter und die übrigen Jungfrauen und Bräute Christi Heil im Herrn.
Der Bruder Adelgar, welcher eben von euch zurückkehrt ist, hat mir gesagt, dass ihr betrübt seiet, weil ihr so selten einen Brief von mir erhieltet. Indem ich wünsche, dies wieder gut zu machen, kann ich euch nichts Passenderes schreiben, als dass ihr in eurem Streben nach Heiligkeit verharren möget. Wollet ihr zur höchsten Stufe der Glorie gelangen, dann müsset ihr euren Leib und eure Seele durch jegliche Tugend vor dem Verderben schützen und für die Ewigkeit vorbereiten. Die innere Reinheit des Herzens in Gedanken und Begierden muss man pflegen und nähren, um die äußere Reinheit und Keuschheit bewahren zu können. Wenn ihr dies Geschenk Gottes durch seine Gnade erlangt zu haben glaubt, dann müsset ihr, wie die Hl. Schrift mahnt, große Demut in allem erstreben und ihr werdet Gnade finden vor Gott. Das ist der Weg, worauf ihr zu Christus, eurem Herrn und Bräutigam gelangen könnt. Denn er sagt selbst: „Lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig von Herzen.“ (…) Das, geliebte Töchter, habe ich nicht geschrieben, als ob ich etwas von Hochmut oder eitlen Rühmens an euch wahrgenommen hätte, sondern, weil ich wünsche, dass ihr zu denen gehöret, wovon geschrieben steht: „Denn sie folgen dem Lamme, wohin es geht.“ Wenn ich meinen Schmerz darüber ausdrücke, dass viele gefallen sind, so gebe ich euch den Rat, vorsichtig zu wandeln und wünsche, dass euer Herr und Bräutigam zu euch sagen möge: „Ganz schön bist du, meine Freundin, und kein Makel ist an dir.“ Folgt daher dem Lamme hier auf Erden in seinen Geboten, auf dass ihr ihm auch folgen möget im Himmel und singen möget das Lied, das nur der Chor der Jungfrauen singen kann. (…)[4]
Sehen wir von zeitbedingten spirituellen Stereotypen ab, so lässt der Brief auf eine Gemeinschaft von Frauen schließen, die sich – unter der Leitung der innig geliebten Tochter – entschieden bemühte, ein glaubwürdiges, ein authentisches Zeugnis gemeinschaftlich gelebter Christusnachfolge zu geben. Dass Rembert ausdrücklich erwähnt, keinen Hochmut oder eitles Rühmen bei ihnen wahrgenommen zu haben, könnte ein Licht auf Walburga werfen. Denn als Stifterin, Financierin und Oberin hätte sie ihren Stand und ihre Mittel geltend machen können, verzichte aber darauf.
WALBURGA, DIE MANAGERIN
Dabei dürfen wir uns das Leben im noch jungen Stift nicht vorstellen wie in einem alten, über Jahrhunderte etablierten Kloster, in dem komplexe wirtschaftliche und rechtliche Abläufe im Detail routiniert geregelt waren und die Schwestern sich in ihrer Klausur ganz auf das geistliche Leben konzentrieren konnten.
Das Leben der jungen Ordensgemeinschaft war in diesen Jahren wohl alles andere als zurückgezogen-kontemplativ. Der Stiftsbereich war noch immer Baustelle: die Kirche – als Basilika geplant und in beachtlicher Größe angelegt[5] – war im Bau, ebenso die Kloster- und Wirtschaftsgebäude. Häufige Absprachen mit dem Baumeister waren erforderlich. Die Anwerbung, Entlohnung und Unterbringung der Facharbeiter mit ihren Familien, sowie die Beschaffung des Baumaterials mussten gemanagt werden. Zugleich galt es, die Infrastruktur für eine sichere Lebensmittelversorgung sowie deren Lagerhaltung für Winter und Frühjahr aufzubauen und das soziale Leben der Menschen des sich um das Stift entwickelnden Dorfs zu strukturieren. Wir müssen uns Walburga als Managerin eines mittelständischen Betriebs mit einem 16-Stunden-Arbeitstag vorstellen.
WALBURGA AM ZIEL
Dass ein solches Leben an der Substanz zehrt, ist leicht nachvollziehbar. Einen sicheren Beleg für ihr Todesjahr haben wir bislang allerdings nicht. Der Necrolog erwähnt den 4. März – jedoch ohne Jahreszahl. Doch ihr Todesjahr lässt sich eingrenzen. Die schon erwähnte Urkunde Karls III. von 887 setzt voraus, dass Walburga noch am Leben ist. Der König sichert Walburga darin zu, ihre Gründung unter seinen besonderen Schutze zu stellen[6]. Eine Urkunde der Synode zu Forchheim vom 1. Mai 890 setzt nach Peter Schliffke[7] – dem wohl besten Kenner der Heerser Geschichte – dann aber den Tod der Gründerin voraus. Sie wird darin nicht mehr persönlich angesprochen. Die Datierung ihres Todes läge demnach an einem 4. März der Jahre 889 oder 890[8].
Das zweite Dokument, das nun zweifelsfrei von Walburga spricht, ist ihre Grabplatte in der Lambertikapelle. Deren Inschrift – ein klassisches Gedicht in bestem Latein in karolingische Unziale gemeißelt – lässt eindeutige Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der Gründerin zu. Die Verfasserin des Gedichts – es war zweifellos eine Frau – muss Walburga gut gekannt haben und bringt im Text auf den Punkt, wie ihre Schwestern und die Menschen im Umfeld des Stifts sie durch zwei Jahrzehnte hatten.
Hier liegt die verehrungswürdige Walburg, die mutig, kraftvoll und klug
dies Kloster errichtet und es als erste geleitet hat.
Den ihr Anvertrauten war sie Vorbild eines erfüllten und glücklichen Lebens.
Die Kirche bereicherte sie mit allem, was sie hatte.
Nun finde sie dich, Christus, den sie immer geliebt hat,
als den, der sie zu den Schafen an seiner Rechten stellt.
Sie starb am 4. März.[9]
Walburga wird von jenen, die sie gekannt haben, als veneranda, als verehrungswürdig bezeichnet[10]. Dieser Wertschätzung entspricht im dritten Vers dem Bekenntnis, dass sie den Ihren Vorbild (exempla) für ein erfülltes, reiches, glückliches Leben (vitae beatae) war. Die Gründung und Errichtung des Klosters wird ihr allein zugeschrieben; der 887 verstorbene bischöfliche Bruder bleibt unerwähnt. Beeindruckend und bemerkenswert ist für die Zeitgenossinnen, dass Walburga ihre gesamten Güter der Kirche in Heerse geschenkt habe.
Walburga war also eine charismatisch begeisternde, eine mitreißende Person, der man vertraute, die kompromisslos alles für das gemeinsame Werk eingesetzt hat. Sie wird mente virlil genannt, was im strengen Sinn mannhaft bedeutet. Heising übersetzt besser mit mutig, kraftvoll und klug[11].
Die Inschrift endet in ein an Christus gerichtetes Gebet: Immer, so heißt es – bei allem und in allem also – habe sie Christus geliebt. Das Gebet referiert auf das Endgerichtsgleichnis in Matthäus 25,31-46, worin alle Völker vor dem Menschensohn versammelt nach Art der Wintertrennung von Mutterschafen und Böcken der rechten und linken Seite zugeordnet werden. Die Beterin bittet Christus, Walburga an seine rechte Seite zu stellen, zu denen also, die in ihrem Alltag den Hungernden, Durstenden, Nackten, Kranken, Fremden und Gefangenen vorbehaltlos ihr Mitleid und ihre Hilfe geschenkt haben; jenen also, die bedingungslos geliebt haben.
WALBURGA UND DIE BOTSCHAFT DER STEINE
Besser kann der Nachruf kaum ausfallen. Und damit ist eigentlich alles Sagbare über Walburga gesagt. Bei der dürftigen Quellenlage ist das erstaunlich viel und erstaunlich tief.
Doch möglicherweise sprechen da noch die Steine. Möglicherweise liegt in architektonischen Besonderheiten der karolingischen und romanischen Basiliken von Heerse eine Botschaft über die Gründerin, über deren Wertschätzung, die erst beim genauerer Betrachtung auffallen.
Ich gebe jedoch zu, dass alles, was ich nachfolgend darlege, gewagt ist und, solange es einer Verifizierung durch archäologische Untersuchungen entbehrt, reine Spekulation bleibt.
Geschichte aber besteht irgendwie immer aus Geschichten. Und das ist ein Stück meiner Geschichte von Walburga, der mutigen Heiligen von Heerse:
Um uns der Botschaft der Steine zu nähern, lade ich die geschätzte Leserin zu einer Zeitreise ein. Gehen wir ein sattes Jahrtausend zurück in die Jahre 889 oder 890. In einem dieser Jahre am 4. März, ist, wie oben festgehalten, der Sterbetag Walburgas. Mindestens zwei Jahrzehnte hat sie in Neuenheerse gelebt und mit Freundinnen und Gleichgesinnten mit unermüdlichem Eifer Stück für Stück ein christliches Kloster und damit für etliche Familien um dieses religiöse Zentrum einen Lebensraum geschaffen, der ihnen Verlässlichkeit, Sicherheit und Heimat bietet.
Der Dorfkern von Neuenheerse – um die ursprünglich mindestens drei ergiebigen Quellen der Nethe – ist ein bunter Flecken aus niedrigen, mit Grassoden gedeckten Hütten, halbaufgerichteten Steinmauern und schlichten Holzbaracken, die den Klosterfrauen als Domizil dienen.
Östlich einer dieser Nethequellen, exakt an dem Platz, wo heute die Lambertikapelle am Ostchor der Stiftskirche anschließt, steht ein kleines steinernes Kirchlein. Man beachte: Es gibt in meiner Hypothese schon vor Walburga ein christliches Heiligtum an diesem, einer sächsischen Gottheit geweihtem Ort. Und die erwähnte Nethequelle würde heute noch im Brunnen der Krypta munter sprudeln, wäre ihr nicht 1950 bei Sanierungsarbeiten das Wasser abgegraben worden. Doch zurück in das 9. Jahrhundert: Die karolingische Basilika ist im Bau. Weil aber ein geeigneter Ort in dem sumpfigen und abschüssigen Gelände nicht leicht zu finden ist, entscheidet man sich in etwa für den Platz, an dem auch 1150 Jahre später – also heute – die Stiftskirche steht. Da man für die Gottesdienste noch das alte Kirchlein nutzen kann, baut man gegen alle Gewohnheiten von Westen Richtung Osten. Dem abschießenden Ostchor hätte am Ende die kleine Urkirche weichen müssen. Dann aber stirbt Walburga – möglicherweise nach längerem Leiden.[12] Doch sie hat ihr Haus gut bestellt. Die Wahl ihrer Nachfolgerin ist durch päpstliche und königliche Dekret geregelt. Mittel für den Weiterbau von Kloster und Kirche hat sie reichlich bereitgestellt. Ihre Mitschwestern hat sie durch ihr Beispiel begeistert und motiviert. Ihr Tod führt deshalb nicht zu einer Krise. Die Menschen, die sie kennen, schätzen und lieben, die ihr vermutlich viel zu danken haben, sie fragen sich nun, wo ein würdiger Ort für ihr Grab gefunden werden kann. Und da die Basilika noch Baustelle ist, entscheiden sie sich für die bereits bestehende Urkirche. Hier bestattet man die Gründerin und nennt das Kirchlein fortan Kapelle der hl. Walburga[13].
Dem unbekannten Baumeister, der in seinen ersten Plänen davon ausgegangen ist, dieses Kirchlein am Ende – weil überflüssig – abzureisen, bereitet das Kopfschmerzen. Denn sein neuer Auftrag lautet nun, die alte Kirche – jetzt Grablege der heiligen Gründerin – zu erhalten und mit dem Bau der großen Basilika architektonisch in Beziehung zu setzen. Ärgerlicherweise aber liegt die Kapelle zur Ost-West-Achse der Basilika nach Süden versetzt. Um die Grablege baulich mit dem Ostchor der Basilika zu verbinden, bleibt ihm nichts anderes übrig, als in die neue Kirche einen Knick nach Süden einzubauen. Der ist über alle Um- und Neubauten bis heute in der Vierung der Stiftskirche erkennbar. Der Versprung des alten Kirchleins zur Achse der neuen Basilika ist aber so groß, dass die Kapelle nun zwar unmittelbar am Ostchor anschließt, aber weiterhin achsial nach Süden versetzt ist.
So groß also ist die Achtung und Wertschätzung der Zeitgenossinnen für die Gründerin, dass man diesen architektonischen Mangel auch bei den mindestens zwei Neubauten in den folgenden Jahrhunderten in Kauf nimmt.
WALBURGA UND IHRE „ZWEITE GRÜNDERIN“
Zum Beispiel im Jahr 1165. Es ist das Jahr der wohl größten Katastrophe, die Stift und Dorf je erlebt haben. Die neue, flachgedeckte romanische Basilika – übervoll mit bunten Fresken, mit der Confessio der Reliquien der hl. Saturnina in ihrem Zentrum, mit einem Westwerk, das den Vergleich mit Corvey nicht zu scheuen braucht, mit der Krypta als Durchgang zur Kapelle der heiligen Walburga – ist gerade vollendet. Da passiert etwas, was in seinem Nachrichtenwert für die damalige Welt dem Brand von Notre Dame de Paris im Jahr 2019 in Nichts nachsteht. Ob durch Blitzschlag oder fahrlässigem Umgang mit Licht ausgelöst, die Basilika brennt komplett nieder und mit ihr ein bedeutender Teil der Klosteranlage. Berede Zeugen dieser Zeit sind Chroniken bis hin nach Südengland. Stumme Zeugen der Katastrophe sind heute die durch immense Hitze rot oxydierten Sandsteine und die geborstenen Säulen entlang des nördlichen Seitenschiffs. Spätestens jetzt ist auch die uralte Kapelle und Grablege der Gründerin zerstört und wird in den Folgejahren mit der Basilika neu errichtet. Doch spätestens jetzt hätte der neue Baumeister die Kapelle um einen knappen halben Meter nach Norden in die Achse der Kirche versetzen können. Genau das aber tut er nicht. Er belässt die alte Verzerrung. Die Kapelle der heiligen Walburga bleibt an ihrem ursprünglichen Platz. Und warum? Vielleicht ist es – nun 300 Jahre später – die Erinnerung an eine tolle Frau, und die Achtung, der Respekt vor ihrer Grablege.
Wie gesagt, das ist Spekulation. Aber es lässt sich schwerlich ein anderer hinreichender Grund finden, um diesen architektonischen Makel zu erklären. Zumal er mit dem Wiederaufbau der Basilika nach dem Brand ohne größeren Mehraufwand hätte beseitigt werden können.
Und die Erinnerungsgeschichte an Walburga geht weiter. Denn für den Wiederaufbau der Kirche, vermutlich auch des Klosters und – worst case – des halben Dorfes bedarf es einer Macherin, einer Frau, die wie Walburga anpackt und die Ihren zum Anpacken ermutigt. Diese Frau gibt es. Ihr Name: Hogardis. Sie hat das Inferno als Stiftsdame hautnah erlebt, ist Pröpstin und zum Ende des 12. Jh. Äbtissin. Vermutlich ist ihr der glanzvolle Wiederaufbau im Wesentlichen zu verdanken. Und da ist es nicht vermessen, sie nach dieser – eben auch wirtschaftlichen – Katastrophe die zweite Gründerin von Heerse zu nennen[14].
Selbstbewusst mag sie sich selbst so verstehen, denn vermutlich ist sie es, die beim Wiederaufbau der Kapelle das zentral vor dem Altar gelegene Grab Walburgas öffnen, deren Gebeine entnehmen und nun neu neben ihrem eigenen Grab vor dem Altar zweitbestatten lässt. Hogardis Platz ist damit „gleichrangig“ neben der Gründerin. Möglicherweise geht der ab dem 14. Jahrhundert nachgewiesene Name Lambertikapelle ebenfalls auf sie zurück. Dann scheint ihr in Anbetracht ihrer eigenen Leistung der Name Walburgakapelle wohl nicht mehr ganz zeitgemäß. Da bietet es sich elegant an, die neu gebaute Kapelle dem hl. Lambertus zu weihen, zumal sie damit ihrem leiblichen Bruder gleichen Namens ein Andenken setzt. Das Andenken der heiligen Gründerin mag damit unter dieser Nachfolgerin etwas verblassen. Vergessen ist es nicht.
WALBURGAS BAROKKES SURVIVAL
Es ist im 17. und 18. Jh. nicht vergessen, als mit glamourösen Riten zur Einführung einer neu gewählten Äbtissin ihr Grab eine Schlüsselposition einnimmt. Bei dieser so genannten Einfuhr mit unglaublichem Pomp gibt es zunächst eine erste Station, vor der Lambertikapelle, bei der die neu Gewählte auf den Damensattel gehoben wird – als Sinnbild der Inbesitznahme ihrer weltlichen Macht. Anschließend aber wird sie durch die gotische Nordpforte in die Lambertikapelle geleitet und dort auf dem Grabstein der Walburga in den Äbtissinnenmantel – dem Sinnbild ihrer geistlichen Autorität – gehüllt. Und darum geht es: Der Ritus führt eine Tradition weiter, die über alle weltlichen Machtallüren an das Charisma der Gründerin andockt.
Vergessen ist das Andenken an diese beeindruckende Frau und heilige Gründerin von Neuenheerse auch nicht in den Wirren der Säkularisation. Denn als die Grabeskapelle als Kalklager für den Eisenbahnbau zweckentfremdet werden soll, werden 1823 die Gräber geöffnet, die Gebeine der beiden Gründerinnen geborgen und feierlich in den Hochaltar der Stiftskirche übertragen.
WALBURGA HEUTE
Vergessen ist Walburga in Neuenheerse bis heute nicht. Dafür sorgt mindestens der Name einer verkehrsberuhigten Wohnstraße. Mehr noch bleibt ihr Andenken lebendig im Namen der privaten Grundschule, deren Initiatorinnen sich 2019 aus nun allzu verständlichen Gründen für den Namen St. Walburga entscheiden. Jedes Heerser Kind kennt seitdem die alten Geschichten von einer mutigen, christlichen und weltoffenen Frau.
Und auch die Kirchengemeinde vergisst ihre heilige Gründerin nicht. Alljährlich am Sonntag um den 4. März begeht sie mit einem feierlichen Gottesdienst den Festtag dieser bemerkenswerten Heiligen, die am Ursprung der Kirche von Bad Driburg steht.
WALBURGA MORGEN
Und vielleicht werden dankbare Christinnen und Christen ihr einmal ein Erinnerungszeichen gegen das Vergessen stiften.
Vielleicht eine Statue – nicht abgehoben unerreichbar hoch auf einem Sockel und mit Heiligenschein – auf dem Boden stehend, eine einfache Frau vor der Lambertikapelle mit dem Blick nach Osten wie in ihrer Grablege. Denn „ex oriente lux“, vom Osten kommt das Licht. Denn wie die aufgehende Sonne wird Christus einmal wiederkommen und Walburga wird ihn – den sie immer geliebt hat[15] –als erste willkommen heißen. Am linken Oberarm könnte sie das „W“, das Zeichen der Stiftsdamen von Heerse, als Tattoo tragen. Wichtiger noch wäre, dass sie ihre Hände zur Seite hin offenhielte, damit Christen und Christinnen unserer Tage sich von Walburga an die Hand nehmen lassen können und sich von ihr ermutigen zu lassen für das, was ihnen für die Zukunft aufgetragen ist.
DANKSAGUNG
1996 baten mich meine Ordensoberen, die Stelle des Pastors in Neuenheerse zu übernehmen. Als Mittelfranke – aufgewachsen in einer weitgehend geschichtslosen Diaspora – spürte ich bald, dass ich hier die Menschen in ihrer Art zu glauben nur dann verstehen kann, wenn ich ihre Geschichte kenne, eine Geschichte, die tief zurückreicht, die Menschen bis heute prägt, auch wenn sie ihnen kaum mehr bewusst ist. Ich machte mich also auf die Suche. Und dabei hatte ich das Glück, zwei Menschen zu begegnen, die mir hier einen weiten Horizont eröffneten.
Das war zunächst Bernhard Heising, damals Konrektor an unserem Ordensgymnasium St. Kaspar und Lehrer für Latein und Griechisch. Mit Herzblut hat er die alten Dokumente und Urkunden des Heerser Stifts übersetzt, neu editiert und damit Laien wie mir zugänglich gemacht. In unseren Gesprächen sprühte er vor Begeisterung. Und er hat mich begeistert.
Dann ist da Peter Schliffke, der derzeit zweifellos beste Kenner der Geschichte des Stiftes Heerse. In langen und tiefen Gesprächen, in stundenlangen Exkursionen in – und um die Stiftskirche hat er mir aufgrund seiner profunden Kenntnisse Zusammenhänge verstehen lassen, ohne die ich es nie gewagt hätte, diesen Artikel abzufassen. Und mag ich auch in einigen Punkten seinen Schlussfolgerungen kritisch gegenüberstehen – zukünftige Grabungen werden hier Klarheit bringen – so beruhen meine Darlegungen in weiten Teilen doch auf seiner umfassenden Forschung.
Diesen beiden Menschen widme ich in Hochachtung und ehrlicher Dankbarkeit diese Ausführungen.
Neuenheerse zum Osterfest 2026
P. Thomas Wunram c.pp.s.
[1]Vgl. Honselmann, Klemens, Die Annahme des Christentums durch die Sachsen im Lichte sächsischer Quellen des 9. Jahrhundert, in WZ 108,1958, S.201 – 219. Honselmann weist darauf hin, dass die Quellen ausschließlich von sächsischen Chronisten stammen, die den neuen Glauben bereitwillig angenommen hatten. Eine Tendenzberichterstattung ist damit nicht ausgeschlossen.
[2]Das Necrologium Herisiense ist ein Tageskalender aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, der heute in der Schatzkammer der Stiftskirche Neuenheerse aufbewahrt wird und auf eine ältere Quelle zurückgreift. Für jeden Tag im Jahr sind darin die Memorien verstorbener Stiftsdamen und Freunde des Stiftes sowie besondere Ereignisse, wie etwa Kirchweihen, aufgeführt. Aus diesem Buch wurden im Rahmen der Liturgie tagesentsprechend die entsprechenden Einträge vorgelesen und der an diesem Tag Verstorbenen im Gebet gedacht.
[3]Schliffke Peter, Die Heiligen des Stiftes Heerse. Quintinius, Walburga, Helmtrud, Saturnina, unveröffentlichtes Skript, 2018. Da Walburga in Briefeingang nicht namentlich erwähnt wird, geht Schliffke mit anderen davon aus, dass es sich in der Dativ-Anrede K(C)arissimae filiae um die Nachfolgerin der mutmaßlich wenige Monate vorher verstorbenen Walburga handelt. Ich bleibe in meinen Ausführungen bei Walburgas als Adressatin. Denn wäre ihr Tod der Abfassung des Briefs zeitlich derart nahe (ihr Todestag läge gerade mal drei Monate zurück), wäre kaum verständlich, warum der ihr freundschaftlich zugetane Rembert für die Schwestern keine Trostworte gefunden hätte. Grund der erwähnten Betrübnis der Schwestern wäre dann nicht das Ausbleiben eines Briefes von Rembert, sondern wohl eher der Tod der Gründerin.
[4]MGH SS rer. Germ. 55, Vita Rimberti, c. 15, S. 92-95
[5] Vgl. hierzu: Ausgrabungen in der ehemaligen Damenstiftskirche St. Saturnina in Bad Driburg-Neuenheerse, Kreis Höxter, Ottfried Ellger, 1991.
[6]WUB-Supp., S. 41, Nr. 280; PFA NEUENHEERSE, Kopiar, S. 4; HEISING, Kopiar, S. 4; GEMMEKE, Damenstift, S. 8.
Kopiar, pag. 6-8, „ut memorata Waldburc praefatum Monasterium Herisi diebus vitae suae securiter per hoc nostrae auctoritatis praeceptum habeat atque possideat“
[7]Schliffke, Peter, Die Heiligen des Stiftes Heerse. Quintinus, Walburga, Helmtrud, Saturnina, 2026 unveröffentlichtes Skript, S. 56. Vgl. Anm. 4. ngemerkt sei, dass
[8] Vorausgesetzt, die im Brief Remberts mit K(C)arissimae filiae genannte Adressatin ist Walburga, so bliebe für die Datierung ihres Todes der Zeitraum zwischen Remberts Brief und der Synode zu Forchheim 890. Als Todesdaten kämen dann der 4. März 889 oder der 4. März 890 infrage. Vgl. dazu aber Anm. 4.
[9] Die Inschrift in Latein: HIC VENERANDA IACET WALBURG QUAE MENTE VIRLIL /STRUXIT HOC ET REXIT PRIMA MONASTERIUM/ SUBIECTIS VITAE TRIBUENS EXEMPLA BEATAE/ ECCLESIAE CUNCTAS AMPLIFICAVIT OPES / NUNC TE CHRISTE PIUM VIDEAT QUEM SEMPER AMAVIT / UT DEXTRIS ILLAM CONSOCIES OVIBUS / IIII NON MAR OBIIT
[10] Im Prozess heutiger Kanonisierungen ist venerabilis ein erster Grad vor der Seligsprechung. Allerdings gab es diese Prozessordnung im 9. Jh. noch nicht. Die erste nachweisbare Heiligsprechung in kanonischer Form ist die des hl. Ulrich aus dem Jahre 993.
[11] Heising, Bernhard, Kopialbuch, hier zitiert aus unveröffentlichtem Skript, S. 28.
Veröffentlicht 2009 in: https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=7710&url_tabelle=tab_literatur (21.04.26)
[12] Vgl. Schliffke 75 – 82: Die Untersuchungen der Reliquien durch die Anthropologin Babette Wiedemann am 18.12.2017.
[13] Vgl. Schliffke, 68. Man beachte allerdings, dass dieser Name in den Quellen erst drei Jahrhunderte später nachweisbar ist.
[14] So Schliffke, aaO. S 76.
[15] Zitat aus ihrem Grabstein.